Was ist Behavioral Finance?

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Die Behavioral Finance ist ein Bestandteil der Verhaltensökonomie (behavioral economics) und analysiert die Auswirkungen von Psychologie und kognitiven Vorurteilen im Finanzsektor. Sie ist eine wichtige Disziplin, die die klassischen Wirtschaftswissenschaften ergänzt und bei der Optimierung der Vermögens- und Anlageverwaltung hilfreich sein kann.

Die traditionelle Wirtschaftstheorie hat die von jedem Wirtschaftsteilnehmer getroffenen Entscheidungen immer als rational angesehen, mit der einzigen Bedingung, dass man sich in einem transparenten Informationskontext befindet. In der Realität kann der Entscheidungsträger seine Wahl auch bei Vorhandensein aller nützlichen Informationen anhand irrationaler Kriterien treffen. Schauen wir uns ein paar Beispiele an. Denken Sie an den Kauf eines Produkts, der nur auf die Bekanntheit der Marke zurückzuführen ist, ohne dass der Verbraucher die Qualität und den Preis berücksichtigt. Oder denken Sie an die Anordnung von Produkten in Supermärkten: Diese kann sich gewiss auf unsere Einkäufe auswirken. Gleiches gilt auch für die Finanzwelt.

Behavioral Finance und Ökonomie, die Berührungspunkte

Die Vertrautheit mit einigen Sparformen oder Investitionen führt oft dazu, dass wir die Tatsache ignorieren, dass es vorteilhaftere gäbe als die, die wir bereits kennen. Unter Berücksichtigung dieser Verhaltenskonstanten ist es möglich, sogar einige fundierte Wirtschaftstheorien zu aktualisieren. So tat dies auch der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Wenn wir mit einbeziehen, dass der Preis als Qualitätsindikator wahrgenommen werden kann, heißt es nicht, dass die billigeren Artikel den teureren vorgezogen werden. In der Tat könnte eine Preiserhöhung bedeuten, mehr zu verkaufen. In diesem Fall ist also klar, dass sich der Preis aus einer präzisen Strategie des Produzenten ergibt und nicht aus dem Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage, wie es die klassische Wirtschaftstheorie stattdessen möchte.

Behavioral Finance und Psychologie

Die Rolle der Psychologie ist entscheidend bei der Identifizierung von Verhaltenskonstanten: insbesondere, wenn es um Behavioral Finance geht. Es ist jedoch ein entscheidender Unterschied zu machen, nämlich der zwischen individueller Psychologie und Sozialpsychologie. Diese sind zwei Seiten derselben Medaille: Im ersten Fall werden die psychologischen Aspekte untersucht, die bestimmte finanzielle Entscheidungen beeinflussen. Im zweiten Fall wird die Art und Weise untersucht, in der sich die Aggregation dieser Entscheidungen, die durch Umwelt- oder endogene Bedingungen verursacht wird, auf die gesamten Finanzmärkte auswirkt.

Betrachtet man zum Beispiel die Rolle von Vorurteilen, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen. Beim Phänomen der sogenannten selektiven Wahrnehmung sucht der Investor nach einer Bestätigung seiner Ideen, anstatt nach den entscheidenden Elementen zu suchen und neigt daher dazu, zu verwerfen, was nicht seinem Vorurteil entspricht, und stattdessen zu akzeptieren, was seine Idee bestätigt. Dieses Phänomen wird auch als Bestätigungsfalle bezeichnet.

Um ein weiteres Beispiel anzuführen: Die Neigung zu Investitionen, in die bereits jemand investiert hat, kann viele Menschen dazu führen, ein Produkt einem anderen vorziehen, sogar nur aus dem Grund, dass sie bei ihren Entscheidungen nicht alleine sein möchten. Diese Neigung nennt man Herdenverhalten und es zeigt sich sowohl in den Finanzblasen als auch in den plötzlichen Markteinbrüchen.

Wozu dient Behavioral Finance am Beispiel „Herdenverhalten“

Wir haben in der gerade vergangenen Finanzkrise, die durch das Coronavirus verursacht wurde, gesehen, dass viele Anleger in Panik gerieten und die Aktien ihres Portfolios massenhaft verkauften. Dank einer günstigeren wirtschaftlichen Lage haben die Märkte nun einen Teil des verlorenen Bodens zurückgewonnen. Dies bedeutet, dass diese Anleger, wenn sie ihre Nerven behalten hätten, weniger verloren hätten als das, was sie tatsächlich verloren haben, gestärkt im Bewusstsein, es zu vermeiden, sich aufgrund des Herdenverhaltens zu vorschnellen Entscheidungen drängen zu lassen. Stattdessen verkauften viele ihre Finanzaktien sofort zu Schnäppchenpreisen.

Die Verlustaversion

Es ist interessant festzustellen, wie sich das Herdenverhalten bei Finanzkrisen explosionsartig zu einer anderen typischen psychologischen Neigung addiert, nämlich die ebenfalls für Anleger typische Verlustaversion. Man schätzt, dass die Angst, Geld zu verlieren, fast dreimal größer ist als die Lust, Geld zu verdienen. Aus dem gleichen Grund drängt es einen daher in einigen Fällen, eher nicht in vielversprechende Unternehmen zu investieren, gerade aus Angst vor dem Verlustschmerz, wenn die Investition scheitert. Unter einem rationalen Gesichtspunkt sollte es jedoch ebenso schmerzhaft sein, verpasste Gelegenheiten zu betrachten.

Wenn jemand vor zehn Jahren etwa 100 US-Dollar in den Kauf einer Amazon-Aktie hätte investieren wollen, würde er sich heute mit einem 30-mal höheren Kapital wiederfinden. Kaum jemand würde diesen entgangenen Gewinn jedoch auf die gleiche Ebene stellen wie den Gewinn und Verlust eines entsprechenden Kapitals.

In der Praxis besteht eine natürliche Neigung des Einzelnen, eher Verlusten als Gewinnen einen höheren Wert beizumessen.

Behavioral Finance erklärt, wie Wirtschaftsteilnehmer und Sparer oft völlig irrationale Entscheidungen treffen. Das heißt aber nicht, dass diese Entscheidungen in einer unvorhersehbaren Art und Weise getroffen wären. In der Tat gibt es präzise theoretische Modelle, die auf der Beobachtung von Verhaltensweisen basieren und es ermöglichen, einige wichtige Konstanten zu formulieren.

Die relevantesten – im Hinblick darauf, dass wir sowohl das Herdenverhalten als auch die Verlustaversion bereits eingehend untersucht haben – sind: Anchoring, Attributionsfehler, Kontrollillusion, Prospekt-Theorie und Erwartungswert.

  • Anchoring: Es ist ein Phänomen, das die Wahl anhand eines gewissen Parameters bestimmt. Das kann zum Beispiel, eine Abneigung gegen das Überschreiten einer bestimmten Ausgabenschwelle oder des Inhalts der ersten Information sein, die wir erhalten haben. Parameter, denen eine größere Bedeutung beigemessen wird als anderen, ohne eine genaue Grundlage.
  • Attributionsfehler: Es handelt sich um eine interpretative Verzerrung, die dazu neigt, bestimmte Ereignisse eindeutig oder ausschließlich auf Umwelt- oder wesentliche Faktoren zurückzuführen, jedoch nur auf der Grundlage unserer Vorurteile. Wenn zum Beispiel ein Unternehmen, das uns interessiert, an der Börse schlecht abschneidet, werden wir das Ergebnis möglicherweise einfach dem negativen Zyklus des Marktes zuschreiben. Wenn wir Vorurteile gegenüber diesem Unternehmen haben, werden wir glauben, dass der Rückgang seiner Aktienbewertung auf die schlechte Qualität des Unternehmens zurückzuführen ist.
  • Kontrollillusion: Es ist das Gefühl, kontrollieren zu können, was mit uns passiert, nur weil es eben uns passiert. Es ist der klassische Fall einiger despektierlichen Einstellungen zu riskanten Verhaltensweisen, wie beispielsweise wenn man raucht und denkt, dass dies keine Konsequenzen hat. Das gleiche Prinzip lässt uns glauben, dass eine Investition, so riskant sie auch sein mag, gut laufen wird, weil wir diejenigen sind, die sie betreiben. In der Praxis legen wir größeren Wert auf unsere Erfahrung als auf die anderer, aber auch auf das, was bereits bekannt ist. Ein klassischer Fehler aufgrund zu viel Selbstvertrauen ist die mangelnde Diversifikation.
  • Prospekt-Theorie: Es ist die Feststellung der Tatsache, dass selbst bei gleicher Folgerichtigkeit einige äußere Bedingungen die Entscheidung beeinflussen können. Dass ich in ein Wertpapier mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 75% investiere, entspricht dem Fall, dass ich in dasselbe Wertpapier mit der Verlust- oder Nichtgewinnwahrscheinlichkeit von 25% investiere. Dennoch, aufgrund der unterschiedlichen Formulierung des Falls ändert sich das Verhalten (mehr oder weniger zustimmend).
  • Erwartungswert: Dies ist ein Wert, der nicht einem rationalen Ziel entspricht, sondern dem Wert, der von den eigenen Erwartungen vorgegeben wird. Es kann natürlich irreführend sein, den Erfolg oder Misserfolg einer Investition zu bewerten, wenn dies nicht unter Berücksichtigung aller Faktoren, die wir wirklich haben, berechnet wird.

Kritik an Behavioral Finance

Obwohl es sich um eine Wissenschaft handelt, die seit mindestens dreißig Jahren einen hohen Stellenwert hat, wird die Behavioral Finance auch kritisiert.

Es gibt diejenigen, die behaupten, dass, wenn es auch sicherlich stimmt, dass viele Entscheidungen von Vorurteilen oder psychologischen Bedingungen beeinflusst werden, das Gesamtsystem dazu neigen würde, Fehler mittel- oder langfristig zu korrigieren. Wir sprechen offensichtlich über die Theorie der Effizienz der Märkte. Einige verstehen nicht, warum die Tatsache, dass Individuen selbst schrittweise aus ihren Fehlern lernen können und daher instinktiv das Auftreten nicht rationaler Elemente in ihren Entscheidungen erkennen könnten, nicht berücksichtigt wird.

Letztendlich wird eine abschließende Kritik an den Methoden der Experimente geäußert, bei denen es sich um einfache Stichproben handele, meistens abstrakt hinsichtlich der Lebensumstände der Teilnehmer (mit spezifischen Fähigkeiten ausgestattet), ohne einen wirklichen Bezug zur konkreten Situation.

Empfohlene Bücher und Texte zu Behavioral Finance

Es gibt eine umfangreiche Literatur zur Verhaltensfinanzierung, insbesondere in der angelsächsischen Welt, ausgehend von dem bekannten Artikel "Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk" der beiden Begründer der emotionalen Ökonomie, Tversky und Kahneman.

Für eine Einführung in die Verhaltensökonomie (Behavioural Economy):

  • „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman und Thorsten Schmidt
  • „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein
  • „Behavioral Economics: Eine Einführung“ von Hanno Beck

Eine technischere Abhandlung finden Sie in den folgenden Bänden:

  • „Behavioral Finance: Gewinnen Mit Kompetenz“ von Joachim Goldberg
  • „Beyond Greed and Fear: Understanding Behavioral Finance and the Psychology of Investing (Financial Management Association Survey and Synthesis Series)“ von Hersh Shefrin
  • „Irrational Exuberance“ von Robert Schiller

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