Finanzmärkte / Wirtschaft

Ökonom: 'Mehr Arbeit und weniger Urlaub, um aus der demografischen Krise herauszukommen'.

Verfasst von MoneyController am 20.05.2021

Wird Deutschland zu einem positiven Verhältnis zwischen seinen Einnahmen und Ausgaben, zwischen dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und der Staatsverschuldung zurückkehren können? Diesbezüglich gibt es verschiedene, sogar angesehene Meinungen, die sich untereinander widersprechen. Vor ein paar Tagen hat sich auch das Magazin Focus dazu geäußert und sich dabei auf einen Artikel im Handelsblatt bezogen.

Olaf Scholz, Finanzminister und Vizekanzler, gehört zur Gruppe derer, die eher optimistisch in die Zukunft Deutschlands blicken. Er glaubt, dass das BIP bald wieder wachsen werde. Dies würde es dem Land ermöglichen, wieder zurück zu einem ausgeglichenen Haushalt zu kommen, wie es nach der Finanzkrise von 2009 geschehen ist. Wie aus dem Interview der Zeitung Handelsblatt hervorgeht, ist der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Michael Hüther jedoch anderer Meinung als Scholz. Die Gründe für die Uneinigkeit liegen in einigen von Hüther erwähnten demografischen und arbeitsmarktpolitischen Entwicklungen, die es wert sind, näher betrachtet zu werden.

Das Problem, das die deutsche Wirtschaft zunehmend belasten wird, sieht Hüther in der Überalterung der Bevölkerung. Dies ist natürlich ein Phänomen, das die Zahl der aktiven Arbeitnehmer schrittweise reduzieren wird. Um die schlimmsten Folgen der Bevölkerungsalterung zu bewältigen, zeigte Hüther Aspekte des deutschen Arbeitsmarktes auf, die insbesondere im Vergleich zur Schweiz und Schweden verbessert werden könnten.

Die erste (und laut Focus "unpopuläre") Form der Verbesserung des Arbeitsmarktes in Deutschland betrifft die Arbeitszeiten. Im Gegensatz zu ihren schweizerischen und schwedischen Kollegen arbeiten die Deutschen weniger. Wenn sie sich an ihr Niveau anpassen würden, würde sich die Gesamtarbeitszeit um 4,7 Milliarden Stunden erhöhen. Die Deutschen arbeiten etwa so viel pro Woche wie ihre Kollegen. Was sie von den anderen unterscheidet, ist die sehr hohe Anzahl an Feiertagen und die höhere Anzahl an Urlaubstagen, die sie genießen dürfen. Würde auch der Umfang der Teilzeitarbeit reduziert, würden diese beiden Maßnahmen zusammen zu einem sehr deutlichen Anstieg der Arbeitsstunden führen, was 4,4 Millionen zusätzlichen Vollzeitbeschäftigten entspräche.

Das andere große Problem in Deutschland sind die Arbeitskosten. Die geleisteten Arbeitsstunden deutscher Arbeitnehmer gehören zu den teuersten in Europa, und zwar nicht so sehr in Bezug auf den Nettolohn, sondern auf die Lohnnebenkosten. Zum Nettolohn müssen nämlich Kosten von 36,70 Euro pro Stunde hinzugerechnet werden (den höchsten Wert in Europa erreicht Dänemark, wo die zusätzlichen Kosten pro Stunde 46,90 Euro betragen).

Die Vorschläge des von Hüther geleiteten Instituts bestehen daher sowohl in der Erhöhung der Arbeitszeit der Deutschen (auch in der Kürzung der Urlaubs- und Feiertage) als auch in der Senkung der Arbeitskosten, wo dies möglich sei. Ein anderer, sicher weniger unpopulärer Vorschlag wäre die Schaffung eines staatlichen Investitionsfonds (nach dem erfolgreichen Vorbild Norwegens). Es muss jedoch noch etwas getan werden: Nach Schätzungen der Demografen wird es im Jahr 2030 etwa drei Millionen Erwerbstätige weniger geben als im Jahr 2019. Wer wird also die Steuern zahlen, um den Deutschen von morgen öffentliche Dienstleistungen und Renten zu garantieren?

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