Marc-Oliver Lux
Persönliches Finanzmanagement

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Börse aktuell: Inflationssorgen im Sommerloch

Verfasst von Marc-Oliver Lux am 22.06.2021

Sehr geehrter Anleger,

der Sommer wird heiß. Draußen und an der Börse. Zumindest heizen steigende Preise den Börsianern ein.
Lesen Sie außerdem, wieviel Angst man von dem Inflationsgespenst haben muss und wie heiß es am Kryptomarkt hergeht.

Bullen- und BärenmarktAb Mai wird üblicherweise die saisonal schwächere Börsenphase eingeläutet. Zwar gab es erste Turbulenzen, aber die mit der Börsenregel „Sell in May“ üblicherweise verbundenen Kursverluste um 10% blieben an den Aktienmärkten bisher aus. Ganz im Gegenteil: Der DAX glänzte mit neuen All-Time-Highs, die sich immer näher an die 16.000er-Marke heranschieben.

Dennoch treiben die Börsianer auf einmal Sorgen um über eine anziehende Inflation und damit steigende Zinsen in den USA, Asien und Europa. Stark steigende US-Verbraucherpreise, die im April um 4,2% zulegten - deutlich stärker als im März mit 2,6% und zugleich der höchste Wert seit 2008 – lösten zeitweise Unruhe am Markt aus.
Der Vizechef der US-Notenbank Fed zeigte sich überrascht von dem hohen Anstieg und sagte, die Notenbanker würden "nicht zögern", um die Inflation notfalls zu bekämpfen. Zunächst wurde jedoch in der letzten Fed-Sitzung noch keine Reduzierung der milliardenschweren Anleihekaufprogramme angekündigt. Der Markt wird weiter mit Liquidität unterstützt. Gleichwohl stehen nun die Signale seitens der Notenbank auf mittlerweile zwei Zinserhöhungen bis 2023. Die Anleiheterminkontrakte - die sogenannten Fed-Fund-Futures - signalisieren die erste Zinserhöhung im Laufe von 2022.

Angst vor steigenden Zinsen erzeugte auch die US-Finanzministerin Janet Yellen, die von einer Überhitzung der US-Konjunktur sprach, der möglicherweise durch "steigende Zinsen" entgegengewirkt werden müsse. Als ehemalige Chefin der US-Notenbank Fed weiß Yellen nur zu gut, wie sehr Anleger jedes Wort aus ihrem Munde genau danach abwägen, ob die Zinsen steigen oder nicht.

Ob Halbleiter, Obst, Gemüse, das Kantinenessen, Holz oder andere Baumaterialien: Die Preise steigen, und das deutlich mehr als um zwei, drei oder vier Prozent. Den meisten Experten bereitet das im Moment zwar noch keine Sorgen. Doch für die Aktionäre sind diese Signale wichtig.
Der Grund: Höhere Inflationszahlen gehen auf Dauer mit steigenden Zinsen einher. Das wiederum belastet üblicherweise die Börsen - und gilt aktuell als der stärkste Grund für deutlich schwankende Aktienkurse. Viele halten eine Korrektur an den Aktienmärkten daher für immer wahrscheinlicher. Gute Nachrichten gab es dennoch aus Deutschland: Obwohl die Wirtschaft von Januar bis März um 1,7% schrumpfte, verdienten die 30 Dax-Konzerne so viel wie nie in einem ersten Quartal.

So muss die auf den ersten Blick erschreckend hohe US-Teuerung von 4,2% auch richtig eingeordnet werden: Im Vorjahresmonat waren die Preise wegen des weitgehenden Stillstands der US-Wirtschaft gesunken. Auch die Materialknappheit und die dadurch gestiegenen Erzeugerpreise könnten ein vorübergehendes Phänomen bleiben. Zudem: Die Inflation wird nicht mehr von Waren, sondern von Dienstleistungen dominiert. Von daher besteht für dieses und das kommende Jahr noch kein wesentliches Inflationsproblem. Das liegt vor allem daran, dass die Arbeitskosten sinken. Inflation wird vor allem durch steigende Löhne hervorgerufen. Da ist aber noch kein starker Aufwärtstrend erkennbar.
Zu Gelassenheit ermuntert auch das im August vergangenen Jahres von US-Notenbankchef Jerome Powell angekündigte "flexiblere Inflationsziel". Demnach greift die Fed noch nicht ein, wenn die Preissteigerung für eine Weile höher als 2% liegt, vorausgesetzt, sie lag vorher länger darunter. Powell will zudem mehrere Datenpunkte sehen, bevor er eine Strategieänderung beschließt, statt Entwicklungen zu antizipieren und möglichst früh zu reagieren.
Doch die Strategie sorgt für Nervosität. "Jedes Mal, wenn die Fed spät dran war und dann schnell reagieren musste, gab es eine Rezession", warnte Mohamed El-Erian, ökonomischer Chefberater der Allianz. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen ist, schätzt er auf 50%. Am Jahresende wissen wir mehr.

 

Aktien: Das Inflationsgespenst

Das InflationsgespenstDie allgemeine Stimmung an den Aktienmärkten ist derzeit durchaus optimistisch. Viele Analysten prognostizieren eine Fortsetzung des Aufwärtstrends aus dem Vorjahr. Doch ein möglicherweise baldiges Ende der Pandemie könnte für die Aktienmärkte auch gefährlich werden.

Die langen Lockdowns und die erzwungene Konsumzurückhaltung machen Nachholeffekte wahrscheinlich, die zu Engpässen und Preissteigerungen führen können. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Bevölkerung wenig konsumieren konnte und viel gespart hat: Die Sparquote in Deutschland, die in den vergangenen 20 Jahren recht stabil bei rund 10% lag, stieg 2020 auf 16,3%, den mit Abstand höchsten Wert seit der Wiedervereinigung. Bezogen auf das Volkseinkommen würde das bedeuten, dass 2020 über 110 Milliarden Euro mehr Ersparnisse zur Verfügung stehen als 2019.
Fließt dieses Geld wieder zurück in die Wirtschaft, kann das für einen beträchtlichen Nachfrageüberschuss sorgen. Wenn sich die Impfkampagnen weiter positiv entwickeln, ist nicht mehr auszuschließen, dass die Stimmung schon im Sommer mit der Eindämmung der Pandemie abrupt ins Positive kehrt und ein wahrer Konsum- und Investitionsboom losbricht.
Die große Gefahr besteht darin, dass dieser Effekt so enorm wird, dass die Notenbanken zu mehr oder weniger sofortigem Handeln und sehr viel früheren Zinserhöhungen gezwungen sind. Das würde dem Aktienmarkt gar nicht schmecken.

Tatsache ist, dass dieser Boomeffekt in einigen Wirtschaftsbereichen schon eingetreten ist und bereits zu manch Exzessen und Problemen führt. Neben vielen statistischen Sondereffekten treiben aktuell besonders niedrige Lagerbestände die Preise an.

Beispiel Computerchips:
Chips werden heutzutage in allen Bereichen unseres Lebens verwendet. Spätestens mit dem Hochfahren der Produktion von Elektroautos stieg die Nachfrage nach Chips nochmals massiv an. Gleichzeitig fielen einige Fabriken aus. Die Folge neben hohen Chippreisen sind vor allem die Beschaffungsprobleme in der Großindustrie sowie Produktionsausfälle.

Beispiel Logistik:
Im Zuge der Pandemie wurden die Schiffskapazitäten massiv reduziert. Jetzt fährt die Welt wieder überall gleichzeitig hoch. Der Warenfluss ist jedoch durch unterschiedliche Quarantäne-Vorschriften weiterhin gestört, gerade zwischen China, Europa und USA. Container befinden sich am falschen Ort. Die Reeder suchen händeringend Schiffkapazitäten. All dies treibt die Preise für den Transport.

Beispiel Bau:
Die Kosten für Baumaterialien, insbesondere Holz, haben sich zum Teil vervielfacht. Handwerker waren schon vor der Pandemie knapp. Jetzt ist es nicht nur schwierig, einen Handwerkertermin zu bekommen, sondern auch noch teurer.

Beispiel Tourismus:
Sobald einzelne Ferienregionen nicht mehr als Corona-Risikogebiet eingestuft werden, schießen die Buchungszahlen hoch. Die Flugkapazitäten Richtung Mallorca und Griechenland liegen mittlerweile sogar über dem Vor-Krisen-Niveau. Doch anders als in anderen Branchen haben die Airlines nichts davon: es herrscht ein Preiskampf und gleichzeitig sind die Kerosinpreise gestiegen.

In den kommenden Monaten müssen sich Investoren und Verbraucher wohl generell auf höhere Preise einstellen. Dennoch: Für Inflationspanik gibt es vor allem in Europa keinen Anlass. Wenn die Lager erst mal gefüllt sind und die Unternehmen ihre Produktion hochfahren, sollten die Engpässe überwunden sein - und damit auch die verbundenen Preiseffekte. Entscheidend für die langfristige Inflation ist die Entwicklung der Löhne. Erst wenn sie deutlicher steigen, ist mit dauerhaft höheren Preisen zu rechnen. Bislang ist davon aber wenig zu spüren. Im Gegenteil: Durch die Pandemie ist die Arbeitslosigkeit in Europa gestiegen. Geschäfte, Restaurants, Hotels, Fluggesellschaften - viele Branchen haben massiv unter der Pandemie gelitten.
Noch verdeckt die Kurzarbeit die Folgen, aber die Arbeitslosigkeit steigt. Solange sie hoch ist, sind deutlich höhere Löhne kaum denkbar. Das gilt vor allem für Euro-Länder wie Italien, Spanien und Griechenland, wo die Arbeitslosigkeit schon vor der Corona-Pandemie bei zehn Prozent und mehr lag.

Etwas anders ist die Situation in den USA. Dort stützt die Regierung von Präsident Joe Biden die Wirtschaft mit einem riesigen Konjunkturpaket. Zudem war die Arbeitslosigkeit schon vor der Pandemie geringer. Daher ist in den USA eher mit steigenden Löhnen und einer dauerhaft höheren Inflation zu rechnen. Noch aber zeichnen sich auch dort keine deutlich höheren Löhne ab. Im April sind weit weniger neue Jobs entstanden, als Ökonomen erwartet hatten.
Für Investoren ist die Entwicklung in den USA wichtig, weil sie den Takt für die internationalen Kapitalmärkte vorgibt. Doch selbst wenn es dort ein Inflationsproblem geben sollte, muss dies nicht auf Deutschland und Europa herüberschwappen.

 

Bitcoin: Der große Fall

BitcoinDer Kurs des Bitcoins erlebte in den letzten Wochen mal wieder eine Berg-und-Tal-Fahrt: mit fast 65.000 USD erreichte die Kryptowährung Mitte April ein neues Rekordhoch. Immer höhere Ziele wurden herumgereicht, weit über die 100.000 USD-Marke hinaus. Wie so oft trat erst mal das Gegenteil ein und der Bitcoin-Preis halbierte sich innerhalb weniger Tage auf unter 30.000 USD.
Auch viele andere Kryptowährungen stürzten ab, die Marktbereinigung fand im großen Stil statt: Die zweitwichtigste digitale Währung Ether, die mit dem Ethereum-Blockchain-Netzwerk verbunden ist, verlor in der Spitze rund 40%.
In den Social-Media-Kanälen tobt nach diesem Einbruch der Kampf um die Meinungs- und Deutungshoheit: Vom „Anfang vom Ende“ bis zur „einmaligen Einstiegschance“ ist alles dabei. Gelassen bleiben da nur die sogenannten „Hodler“. HODL - eine bewusst falsch geschriebene Bezeichnung des englischen „hold“ - steht in der Bitcoin-Community für langfristiges Halten: Wer wirklich an die Währung glaubt, behält sie über einen langen Zeitraum, so die Befürworter – trotz der starken Volatilität, die dem Markt seit jeher eigen ist.

Der rasante Abschwung verunsichert nicht nur Privatanleger, sondern auch institutionelle Anleger und den gesamten Finanzmarkt. Als Grund für den Kurssturz am Kryptomarkt gilt eine Mitteilung auf dem WeChat-Account der chinesischen Zentralbank, in der davor gewarnt wird, Bitcoin und Co. seien „kein echtes Geld“ und würden gegen die Sicherheit des Volkseigentums verstoßen und die Ordnung der Wirtschaft und des Finanzwesens stören.
Diese Mitteilung hat dem Bitcoin mal eben 500 Milliarden Euro Marktkapitalisierung gekostet, weil man wohl neue Regulierungen fürchtete.

In China selbst jedoch war die Mitteilung kein großes Thema. Das könnte auch daran liegen, dass in der Volksrepublik der Handel und die Zahlung mit Kryptowährungen bereits vor der Ankündigung stark eingeschränkt waren. Andererseits gilt China als Vorreiter für Kryptowährungen, weil das Land mit Hochdruck an einer eigenen Digitalwährung arbeitet. China hat zwar bislang keine speziellen Gesetze zu Kryptowährungen. Die chinesische Staatsführung geht jedoch schon seit mehreren Jahren gegen die Nutzung von Kryptowährungen vor. Vor allem fürchtet Peking damit einhergehende Finanzmarktrisiken und eine fehlende Kontrolle über das Zahlungsmittel.
Obwohl das Handeln mit Kryptowährungen untersagt ist, werden in der Volksrepublik je nach Schätzung zwischen der Hälfte und zwei Dritteln aller Bitcoin geschürft. In den vergangenen Monaten hat etwa die Provinzregierung der Inneren Mongolei jedoch damit begonnen, die als „Minen“ bezeichneten Hallen mit Rechnern schließen zu lassen – die offizielle Begründung dafür ist der hohe Energieverbrauch.

Das Timing der China-Meldung hätte für die Kryptowelt auf alle Fälle kaum schlechter sein können. Denn wenige Tage vorher kritisierte bereits Tesla-Chef Elon Musk das digitale Geld. Er bemängelte vor allem die wegen des hohen Energieverbrauchs beim Schürfen verheerende Umweltbilanz der Währungen und verkündete, dass Tesla Bitcoin nicht länger als Zahlungsmittel akzeptieren werde. Die Ankündigung kam einigermaßen überraschend, denn bis vor Kurzem präsentierte sich Musk noch als großer Befürworter von Kryptowährungen: Erst Ende Februar verkündete er, Bitcoin als Zahlungsmittel bei Tesla zu akzeptieren und umfangreich Cashreserven des Autokonzerns in Bitcoin investiert zu haben. Das galt als wichtiger Schritt für den Bitcoin auf dem Weg zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz.
Mit dem jüngsten Kursrutsch ist der Bitcoin wieder auf dem Niveau angelangt, auf dem er vor dem Tesla-Einstieg lag. Dass der Bitcoin viel Energie verbraucht, ist allerdings schon seit Jahren bekannt. Und dass eine einzelne Person die Märkte derart bewegen kann, dürfte auf viele Investoren abschreckend wirken. Dass die hohen Kursschwankungen des Bitcoins die Stabilität des Finanzsystems gefährden könnten, sehen die Vertreter der Europäischen Zentralbank jedoch nicht.

Unsere Einschätzung:
Wer in Kryptowährungen investiert, braucht Nerven aus Stahl. Korrekturen im hohen zweistelligen Bereich sind nicht ungewöhnlich. Der Aktienmarkt ist Kindergarten dagegen. Auf lange Sicht verzeichnet die Digitalwährung aber noch immer ein Plus: Innerhalb der vergangenen zwölf Monate stieg der Preis um über 250%. In diesem Sinne: HODL!

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