Marc-Oliver Lux

Finanzberatung

Börse aktuell: Kaufrausch in den Tech-Werten

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Verfasst von Marc-Oliver Lux am 18.07.2020

Sehr geehrter Anleger,

Amazon & Co haben die nächste Raketenstufe gezündet. Die Kurse vieler Technologiewerte scheinen die Bodenhaftung verloren zu haben und auf dem Weg zum Mond.
Lesen Sie außerdem, warum Analysten trotz Börsenrallye skeptisch bleiben und wie Anleger mit speziellen Indexfonds mit zweifacher Stärke am Auf und Ab der Märkte teilhaben können.

Bär und Bulle

An den Aktienmärkten herrscht mittlerweile Hochstimmung, mag man meinen. Der DAX steht wieder nahe an der 13.000er-Marke, hat also seit dem Tief im März gut 5000 Punkte aufgeholt. Und blickt man auf die US-Technologiewerte und ihrem zugehörigen Aktienindex NASDAQ, entsteht der Eindruck „Das war´s – up, up and away!“. Der NASDAQ hat nicht nur das Vorkrisenniveau erreicht, sondern steigt seit einigen Wochen Tag für Tag auf neue Allzeithochs. Gerade wegen Corona fließt immer mehr Kapital in die Tech-Aktien, die als Profiteure der Pandemie gelten. Der digitale Wandel wird durch die Krise und die sozialen Einschränkungen beschleunigt, da Verbraucher und Unternehmen neue Wege für das Einkaufen, die Unterhaltung und die Gesundheitsversorgung kennengelernt haben. Die Erwartung der Investoren ist, dass dies vor allem den US-Technologiekonzernen zugutekommt.

Viele Tech-Aktien notieren daher wieder nahe ihrer Höchststände, oder gar darüber. In einigen Einzelwerten macht sich sogar wahre Kaufpanik breit: Seit dem Corona-Tief im März hat sich Amazon verdoppelt und Tesla vervierfacht. Bei Amazon führt das zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von weit über 200! Tesla könnte mit seiner aktuell erreichten Marktkapitalisierung die gesamte deutsche Automobilindustrie aus der Portokasse bezahlen. Ein KGV gibt es nicht, denn die Firma produzierte ja bisher nur Verluste. Einfach nur absurd.
Die krassen Kursverwerfungen in den Zukunftsbranchen ergeben sich jedoch auch aus der dramatischen Ausweitung der Geldmenge durch die US-Notenbank FED, die die Vermögenspreisinflation bei Aktien, Gold und Immobilien weiter beschleunigt. Von den Niedrigzinsen profitieren aus einfachen mathematischen Gründen ganz besonders die Aktien von wachstumsstarken Unternehmen, die einen Großteil ihrer Gewinne erst in weiter Zukunft erzielen werden, da hier eine Verringerung des Abzinsungsfaktors in Bewertungsmodellen wie dem Discounted-Cashflow-Modell besonders stark ins Gewicht fällt. So werden zukünftige Gewinne nahezu 1:1 und ohne Abschlag heute schon eingepreist. Ebenfalls eingepreist werden quasi Monopolgewinne, so als hätten Unternehmen der „Old Economy“ keine Berechtigung mehr – auch das kennt man bereits von der ersten Internet-Euphorie um die Jahrtausendwende.

Insofern nimmt die Gefahr zu, dass die Börsianer die Lage zu optimistisch einschätzen. Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt das Virus selbst. Zumal gerade in den USA die Corona-Infektionszahlen kräftig weiter steigen. Die erste Welle ist bisher überhaupt nicht zum Stillstand gekommen. Die ersten Bundesstaaten müssen Lockerungen wieder zurücknehmen. Für den amerikanischen Arbeitsmarkt ist dies verheerend. In keiner der zurückliegenden Krisen waren so viele Amerikaner arbeitslos wie heute.
Dass Volkswirtschaft und Aktienmärkte in unterschiedliche Richtungen laufen, ist jedoch nicht ungewöhnlich. Die Börse blickt oft voraus. Die Kurse drehen meist deutlich vor der Realwirtschaft. Vorbild für die Bullen ist die große Finanzkrise. Die brachte schmerzhafte Verluste, leitete aber auch eine elf Jahre währende Aktienmarktrallye ein. Das Rezept von damals - massive Staatshilfen und Geldspritzen der Notenbanken – wirkt auch heute. In diesem Sinne: up, up and away!

 

Aktien: Analysten befürchten neue Einbrüche

Tropische Hurrikan

Die Extreme an den Aktienmärkten sind historisch. Von Mitte Februar bis Mitte März stürzten die Börsen so schnell ab wie noch nie. Mehr als 26 Billionen Dollar wurden an den Aktienmärkten weltweit vernichtet, als die Corona-Pandemie nach und nach die Weltwirtschaft stilllegte.
Große Indizes wie der amerikanische S&P 500 und der globale Aktienindex MSCI World All Countries Index brachen um ein Drittel ein, beim deutschen Leitindex DAX waren es sogar rund 40%.
Seither geht es aber wieder rasant bergauf, obwohl die Staaten weltweit allenfalls leicht die Corona-Beschränkungen lockern und das Ausmaß der Folgeschäden für die Wirtschaft noch nicht abzusehen ist. Viele Börsenanalysten trauen dem Frieden an den Märkten nicht, im Gegenteil, viele dieser „Experten“ halten einen Rückfall an den Aktienmärkten sogar für unvermeidlich. Was sind die Gründe?

Erholungen nicht nachhaltig
Erholungen nach einem massiven Börsenabsturz sind nicht ungewöhnlich, doch historisch gesehen sind sie nicht nachhaltig. Experten nennen solche Entwicklungen „Bärenmarktrally“, also temporäre Aufwärtsbewegungen innerhalb eines langen Abschwungs.
Seit der Jahrtausendwende gab es – abhängig vom jeweiligen Index – zwischen fünf und acht derartiger Phasen. Das Extrembeispiel lieferte der DAX nach dem Terroranschlag 9/11 in 2001 inmitten der Dotcom-Krise. Der DAX stieg nach dem Attentat fast ein halbes Jahr lang um insgesamt mehr als 50% an – stürzte bis Mitte März 2003 dann aber erneut um fast 60% ab.

Weltweite Rezession erwartet
Für das laufende Jahr erwartet der IWF weltweit einen Wirtschaftseinbruch um drei Prozent. Zum Vergleich: In Zeiten der Finanzkrise schrumpfte die globale Wirtschaft nur um 0,1%, weil Schwellenländer wie China oder Indien wenig betroffen waren. Das Coronavirus aber macht vor keinem Land halt.
Für die Wirtschaft in den Industrienationen ist die Lage aber diesmal noch bedrohlicher. Für die USA rechnet der IWF mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,9%, für den Euro-Raum sind es sogar 7,5%. Auch der beispiellose Absturz des Ölpreises gilt – trotz aller markttechnischen Gründe für den Verfall – als Zeichen dafür, wie sehr die Wirtschaft schon jetzt leidet und noch leiden wird.
Zu den Märkten passt das gar nicht. Und so liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) schon wieder über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Aktien sind damit alles andere als günstig. Noch stärker gilt das für die USA, wo das KGV im S&P 500 sogar wieder über 20 liegt.

Gewinnprognosen sind zu hoch
Das liegt auch daran, dass die Gewinnprognosen für die Unternehmen viel zu hoch sind. Für den DAX zum Beispiel rechnen Analysten im Schnitt mit einem Rückgang des Gewinns um nur gut sechs Prozent in diesem Jahr, bei den Unternehmen im S&P 500 sind es gut neun Prozent. Das scheint zu niedrig angesetzt. Noch unrealistischer erscheinen die Gewinnprognosen für das kommende Jahr. Hier rechnen Broker im Schnitt mit um mehr als 27% steigenden Gewinnen der DAX-Konzerne und einem 18-prozentigen Gewinnanstieg der Konzerne im S&P 500.
Weil Unternehmen genauso wie Analysten die tatsächlichen Auswirkungen auf die Gewinne in aller Regel zunächst unterschätzen, kommt die bittere Wahrheit nur häppchenweise im Rahmen eines längeren Anpassungsprozesses ans Tageslicht. Von daher sind größere Krisen in der Regel nicht in wenigen Monaten oder gar Wochen beendet.

Längerer Lockdown = längere Krise
Das gilt in der aktuellen Lage umso mehr. Wenn die weltweiten Lockdown-Maßnahmen nicht im ersten Halbjahr beendet werden, wird die Weltwirtschaft um weitere drei Prozent schrumpfen, fürchtet der IWF. Und bei einer lahmgelegten Ökonomie bis 2021 werde der BIP-Verlust weitere acht Prozent größer ausfallen.
Das Problem: Es ist nicht klar, ob die jetzt eingeleitete vorsichtige Aufhebung der Ausgangs- und Produktionsbeschränkungen tatsächlich der Anfang der Rückkehr zur Normalität ist. Die Maßnahmen werden ja nur deswegen gelockert, weil die Infektionsraten mit dem Coronavirus sinken. Wenn sie nach den Lockerungen erneut anziehen, wird der Lockdown wieder verschärft.
Selbst die Wiedereröffnung der Wirtschaft führt nicht sofort wieder auf das Vorkrisenniveau zurück. So zeigt sich z.B. in Asien, dass die Verbraucher trotz Öffnung der Geschäfte nicht einfach wieder zurückkehren.

Märkte ignorieren viel
Genau diese Unsicherheit ist der Grund dafür, dass die meisten Unternehmen vorsichtig bleiben und keine Gewinnprognosen für das laufende Jahr abgeben. Doch auch das scheinen die Märkte zu ignorieren – ebenso wie die Tatsache, dass allein in Europa rund ein Viertel der Unternehmen bereits Dividendenkürzungen angekündigt hat. Auch kursstützende Aktienrückkäufe, beliebt vor allem in den USA, werden weniger.
Dass seit Mitte März in Europa ausgerechnet der besonders gebeutelte Branchenindex für Reisen und Freizeit um mehr als 20% gestiegen ist – und damit fast doppelt so viel wie der breite europäische Aktienindex STOXX Europe 600 – lässt da umso mehr aufhorchen. Ebenso legte die Autobranche mehr zu als der breite Index, obwohl bei den Verbrauchern wohl eher Zurückhaltung bezüglich Neuanschaffungen zu erwarten ist.
Ohnehin droht in Branchen, die von Kundenfrequenz abhängig sind, eine Pleitewelle im zweiten Halbjahr. Steigende Insolvenzen sind jedoch auch Gift für die Finanzwirtschaft. Allein in den USA haben die größten Banken im ersten Quartal bereits Rückstellungen in Höhe von 27 Milliarden Dollar für Kreditverluste gebildet.

Unsere Einschätzung:
Zwar zeigt die Erfahrung, dass die Börsen Erholungen in der Wirtschaft oft vorwegnehmen. Das war auch in der Finanzkrise so. Damals stiegen die Bewertungen aber erst wieder, als die Gewinnschätzungen auch von den Analysten weitgehend nach unten angepasst worden waren. Diese Phase ist bisher noch nicht erreicht. In manchen Sektoren scheint der Optimismus daher etwas überzogen. Den steigenden Kursen unbedacht hinterherzulaufen nach dem Motto „Alles wird gut“ macht keinen Sinn, das Chancen-Risiko-Verhältnis ist nicht mehr optimal.

 

ETFs: Doppelte Kraft voraus

 Flugzeug im Flug

Manche Anleger geben sich nicht mit dem Einfachen zufrieden, sondern suchen nach Finanzprodukten, die ihre Renditemöglichkeiten bei gleichem Einsatz vervielfachen. Derartige Produkte arbeiten mit einem Hebel und lassen den Anleger zweifach, dreifach oder sogar noch stärker an der ursprünglichen Kursentwicklung teilhaben. Der Hebel sorgt dafür, dass die Kursausschläge sich verstärken - sei es nun aufwärts oder aber abwärts.

Auf Englisch werden diese Produkte häufig mit dem Zusatz „leveraged“ oder kurz „lev“ versehen, der auf die Hebelwirkung hinweist. Diesen Zusatz trägt beispielsweise der LevDAX, der bekannteste gehebelte Aktienindex in Deutschland. Er vollzieht die Bewegung des DAX mit zweifacher Intensität nach. Geht der deutsche Leitindex um ein Prozent nach oben, dann steigt der LevDAX um zwei Prozent - und umgekehrt.

Unter vielen verschiedenen Instrumenten, gehebelt an der Börse zu spekulieren, sind für Privatanleger vor allem ETFs geeignet. Sie verfügen über einen eingebauten Schutz, der zwar nicht vor heftigen Kurzbewegungen bewahrt, aber zumindest das Emittentenrisiko eliminiert: ETFs sind Sondervermögen, genauso wie klassische Investmentfonds. Das heißt, dass das von Anlegern eingezahlte Geld vom Kapital des Produktanbieters getrennt ist. Im Falle einer Pleite des ETF-Anbieters fällt es nicht in die Insolvenzmasse, sondern wird ausgesondert. Dass sich ETFs mit Hebelwirkung vor allem an Privatanleger wenden, zeigt auch die Vorgabe der EU-Richtlinie UCITS: ETFs dürfen maximal mit dem Faktor zwei gehebelt sein. Extremere Multiplikatoren sind anderen Wertpapierprodukten vorbehalten. Diese Beschränkung dient ebenfalls dem Schutz der Anleger. Denn Hebelprodukte sind eine knifflige Angelegenheit. Noch leicht nachzuvollziehen ist, dass ein Investment mit dem Faktor zwei doppelte Chancen ermöglicht und doppelte Risiken birgt. Doch darüber hinaus sorgt die Konstruktion von Hebelprodukten dafür, dass sich mittel- bis langfristig deutliche Verzerrungen ergeben können.

Grund dafür ist, dass die Verdoppelung der Performance auf täglicher Basis erfolgt. Für einzelne Tage entspricht die Hebelwirkung ziemlich exakt dem angegebenen Multiplikator. Betrachtet man jedoch die Gesamtrendite über Monate oder gar Jahre, wird dieser Faktor nicht eingehalten. Eine hundertprozentige Übereinstimmung über längere Zeiträume gibt es nicht. Ein Beispiel: Angenommen, der DAX steigt an einem Tag um 2% und fällt am nächsten um 2%. Das ganze wiederholt sich zehnmal. Nach 20 Tagen mit diesem Auf und Ab steht der deutsche Leitindex bei 99,6% seines Ausgangswert, ein Minus von 0,4%.
Der LevDAX hingegen steigt und fällt täglich abwechselnd um 4%. Auch hier wiederholt sich die Prozedur zehnmal. Der gehebelte Index notiert dann am Tag 20 bei 98,4%. Das entspricht einem Verlust von 1,6%. Obwohl der LevDAX nur zweifach gehebelt ist, hat er sich im beschriebenen Szenario um den Faktor vier verändert. Über längere Zeiträume können die beiden Indizes so immer weiter auseinanderdriften.

Aus diesem Grund sind ETFs mit Hebel nur für kürzere Zeiträume empfehlenswert. Spekulieren lässt sich mit Ihnen gut, und in einem Umfeld deutlich anziehender Kurse versprechen sie einen kräftigen Renditekick. Für die langfristige Geldanlage sind sie jedoch nicht geeignet. Auch unter Kostenaspekten sollten Hebelprodukte nicht dauerhaft eingesetzt werden. Entsprechende Aktien-ETFs verlangen 0,30-0,75% pro Jahr als Verwaltungsgebühr. Damit sind sie rund dreimal so teuer wie ihre herkömmlichen Pendants. Außerdem erfordern Hebelprodukte eine intensivere Betreuung als die meisten anderen Wertpapiere. Wegen ihrer starken Kursbewegungen ist es angebracht, ihre Entwicklung aufmerksam zu verfolgen. Wichtig ist zudem, dass Investoren planvoll mit den Produkten umgehen. Das Anlageziel sollte klar sein und eine bestimmte, zeitlich begrenzte Idee vorhanden sein.

Unser Rat:
Anleger, die ihr Geld gehebelt anlegen, müssen sich der Gefahren bewusst sein: wer mit Multiplikator auf steigende Kurse setzt, wird empfindlich getroffen, wenn die Märkte einbrechen. Hebelprodukte richten sich an sehr risikobewusste, aufgeklärte und eher kurzfristig orientierte Anleger.

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